NACHTLEKTÜRE Deutsch · Klasse 5

DEINE LESEMISSION

Das dritte Klopfen

Zwei Freunde. Ein Haus im Nebel. Und ein Geräusch zu viel.

Etwa 20 Minuten
Lesen · Spuren finden · Verstehen

Die Geschichte

ca. 8 Minuten Lesezeit
Ein dunkles Haus bei Nacht, umgeben von Nebel und einem warmen Lichtschein.
Ein Schauplatz für unsere erfundene Geschichte.
Foto: Martin Cathrae, „Night House in the Fog“, Wikimedia Commons · CC BY-SA 2.0

1 · Der Weg am Haus vorbei

Als Emil und Sami die Bücherei verließen, hing der Nebel schon zwischen den Straßenlaternen. Beide waren elf Jahre alt und gingen in dieselbe fünfte Klasse. Heute hatten sie beim Vorlesen geholfen. Nun trug Emil einen Rucksack voller Bücher, während Sami seine kleine Taschenlampe einschaltete. Bis zur Bushaltestelle waren es nur fünf Minuten. Der Weg führte am alten Haus der Familie Winter vorbei.

„Da wohnt doch niemand mehr“, sagte Emil. Sami schüttelte den Kopf. „Meine Mutter sagt, Frau Winter kommt jeden Donnerstag her. Sie sortiert die Sachen ihres Vaters.“ Es war Donnerstag. Trotzdem sah das Haus verlassen aus. Hinter den Fenstern hing Dunkelheit. Nur an der Veranda glomm ein grünes Licht. Emil zog den Reißverschluss seiner Jacke bis unters Kinn.

2 · Ein Licht hinter Glas

Plötzlich blitzte im oberen Fenster etwas auf. Einmal. Zweimal. Dann war es wieder dunkel. Sami blieb stehen. „Hast du das gesehen?“ Emil nickte. Er wollte gerade antworten, als sie ein Klopfen hörten: zwei kurze Schläge, eine Pause, dann ein dritter. Es klang, als poche jemand von innen gegen die Haustür.

Am Gartentor hing ein Schild: „Bitte klingeln. Glocke auf der Veranda.“ Daneben lag ein roter Handschuh auf dem nassen Kies. Emil hob ihn nicht auf. „Vielleicht braucht jemand Hilfe.“ Sami leuchtete zum Fenster. „Oder jemand möchte uns erschrecken.“ Gemeinsam gingen sie bis zur Veranda. Sie beschlossen, draußen zu bleiben und zuerst zu klingeln. Der nächste Bus würde erst in zehn Minuten kommen.

3 · Schritte im Dunkeln

Die Glocke war klein und aus Messing. Als Emil an der Schnur zog, gab sie nur ein heiseres Scheppern von sich. Im Haus schlurften Schritte. Dann kratzte etwas über den Boden, langsam, direkt hinter der Tür. Sami packte Emils Ärmel. Seine Taschenlampe zitterte. Emil tat so, als müsste er husten, damit Sami nicht hörte, wie schnell er atmete.

Wieder klopfte es. Zwei kurze Schläge. Eine Pause. Diesmal kam der dritte Schlag von oben. Beide sahen zur Decke der Veranda. Dort bewegte sich ein langer, schmaler Schatten. „Wir gehen“, flüsterte Sami. Er machte einen Schritt rückwärts und stieß gegen einen Blumentopf. Der Topf kippte, blieb aber an Emils Schuh hängen. Emil stellte ihn vorsichtig wieder hin. In diesem Moment öffnete sich die Tür.

4 · Frau Winters Erklärung

Eine ältere Frau stand im Türrahmen. In der einen Hand hielt sie eine Kerze, in der anderen einen Besen. „Ihr habt mich aber erschreckt!“, sagte sie. „Der Strom ist ausgefallen. Ich habe nach der Sicherung gesucht.“ Hinter ihr kam eine graue Katze zum Vorschein. Sie zog ein Stück Paketband über die Holzdielen. Daher war also das Kratzen gekommen.

„Und das Blitzen oben?“, fragte Sami. Frau Winter deutete auf die Straße. „Im oberen Zimmer steht ein großer Spiegel. Wenn ein Auto vorbeifährt, fängt er manchmal die Scheinwerfer auf.“ Emil erinnerte sich: Kurz vor dem Blitzen war ein Wagen hinter ihnen abgebogen. Frau Winter sah den roten Handschuh am Tor. „Den suche ich schon den ganzen Abend!“ Jetzt klang ihre Stimme so gewöhnlich, dass Emil sich fast über seine Angst wunderte.

5 · Zwei Schläge und eine Pause

Sami fragte nach dem Klopfen. Frau Winter leuchtete mit der Kerze zur Seite. Ein loser Fensterladen neben der Tür bewegte sich im Wind. Er schlug zweimal gegen die Wand. Klack. Klack. Dann blieb er kurz still. „Morgen kommt jemand und befestigt ihn“, sagte sie. Emil wartete. Kein dritter Schlag. „Und oben?“, fragte er.

„Über der Veranda hängt ein altes Holzschild. Das wirft lange Schatten“, erklärte Frau Winter. Tatsächlich schwang dort ein Schild an zwei Ketten. Darauf stand: „Willkommen“. Emil lachte leise. Nun konnten sie das Haus sehen, ohne in jeder Ecke ein Ungeheuer zu vermuten. Sami ließ seinen Ärmel los. Doch als Emil nach oben leuchtete, bemerkte er etwas: Das Schild hing frei. Selbst im Wind konnte es weder die Wand noch die Decke berühren.

6 · Das dritte Klopfen

Von der Straße kam das Zischen eines Busses. Frau Winter winkte ihnen zu. „Lauft, sonst müsst ihr warten!“ Die Jungen verabschiedeten sich und eilten zur Haltestelle. Erst im hellen Bus atmete Sami tief aus. „Alles ganz normal“, sagte er. „Katze, Spiegel, Fensterladen.“ Emil nickte, blickte aber noch einmal zurück.

Frau Winter stand auf der Veranda. Neben ihr bewegte sich der Fensterladen. Zweimal schlug er gegen die Wand. Dann hielt sie ihn mit der Hand fest. Emil sah es deutlich. Trotzdem ertönte ein drittes Klopfen, so laut, dass er es durch die noch offene Bustür hörte. Frau Winter hob langsam den Kopf. Auch sie schaute zur Decke.

Der Bus fuhr an. Sami wollte wissen, warum Emil so still war. Emil brauchte einen Moment, bevor er antwortete. „Der Fensterladen war es diesmal nicht.“ Sami drehte sich zum hinteren Fenster. Das Haus verschwand bereits im Nebel. Oben leuchtete für einen Augenblick ein heller Streifen auf. Emil sagte nichts mehr. Er rückte nur ein kleines Stück näher zu seinem Freund.